Vipassana-Meditation auf dem mont soleil

Eine 10-tägige Vipassana Meditationsauszeit auf dem mont soleil oberhalb St. Imier gab mir Gelegenheit, an die Diskussionen über spirituelle Fragen mit Petra Mathes und Loil Neidhöfer im Buch „Von Reich bis Gottweisswohin“ anzuknüpfen.

Ich habe in diesem Buch provokativ die These aufgeworfen, ein reiner Materialist sei in Wirklichkeit erleuchtet. Er ist mit dem Tod seines Egos zumindest kognitiv vollständig einverstanden und für ihn sind Spekulationen darüber, wie man das Jenseits der Dualität Geist/physikalische Welt (=Energie und Materie) erfahren oder sich vorstellen könnte, überflüssig. Geist ist nach dieser Auffassung nur eine Eigenschaft oder eine Art Nebenprodukt der hohen Komplexität der physikalischen Welt. Und weshalb sollte man also ein Leben lang meditieren, um genau das zu erfahren, was schon offensichtlich ist: Durch den physischen Tod stirbt unser Ego und wir gehen gemäss den Gesetzen der Entropie automatisch, ob wir das wollen oder nicht, ins Nirvana (oder anders gesagt in die Ewigkeit, in das allumfassende Ganze) ein. Es braucht also gar keine meditative Anstrengung, dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu entgehen. Alle Vorstellungen von Leben nach dem Tod, Wiedergeburt, Auferstehung sind nur Bewältigungsstrategien von uns unwissenden todesfürchtigen Menschenkinder.

S. N. Goenka

Die Buddhistische Lehre, wie sie auf dem mont soleil von Goenka (alles ab Tonband) gelehrt wurde und wird (er ist vor ca 2 Jahren gestorben), vertritt natürlich das pure Gegenteil. Die von ihm vermittelte Meditationstechnik war für mich eine echte Überraschung. In den ersten Tagen geht es um die Beobachtung des Atems als Brücke zwischen dem bewussten und dem unbewussten Geist mit dem Fokus auf die körperlichen Empfindungen im Nasenbereich. Dieser Bereich wird von Meditationsblock zu Meditationsblock immer stärker eingeschränkt. Am Ende der ersten Tage fokussiert man nur noch auf die körperlichen Empfindungen im Bereich zwischen Nase und der Oberlippe. Die Verkleinerung dieses Beobachtungsbereichs dient laut Goenka dazu, den Geist wie ein Skalpell derart zu schärfen, dass eine tiefgreifende Operation auf der unbewussten Ebene von statten gehen kann. Nachdem dieses scharfe Instrument bereitgestellt ist, wechselt man seine Aufmerksamkeit zum Bereich der ehemaligen Fontanelle und beginnt von dort an abwärts den ganzen Körper nach Empfindungen abzusuchen. Es reiche nicht aus, allein auf der Ebene des Geistes zu „üben“, bei der Tendenz der Verhaftung (Begehren) oder der Tendenz von Aversionen gleichmütig zu sein, sondern die „Schnittstelle“ zwischen Körper und Geist müsse auf der Stufe des Unterbewussten darauf trainiert werden, das von Körperempfindungen angestossene Entstehen von Begehren und Aversion schon im Keime ins Leere der Gleichmütigkeit laufen zu lassen. Deswegen besteht die Meditationstechnik ausschliesslich darin, auf körperliche Empfindungen zu fokussieren und das Geschehen mit einem ruhigen, aber sehr alerten Geist, mit dem Verständnis der stetigen Veränderung aller Phänomene in völliger Objektivität und Gleichmütigkeit zu beobachten.

In der Tat waren die in den Meditationsanweisungen (alle ab Band) enthaltenen hypnotischen Suggestionen sehr wirksam. Dank des Fehlens jeder Ablenkung und der immer besser etablierten Gleichmütigkeit empfindet man mit der Zeit das hochfrequente Fibrieren aller Zellen der Körperoberfläche als sehr angenehmes Strömen. Nach der Erlaubnis von Goenka, den Körper nicht mehr Stück für Stück nach den aktuellen Empfindungen absuchen zu müssen, sondern dem freien Flow folgen zu dürfen, spürt man das höchst lust- und liebevolle Um- und manchmal auch Durchströmen des Körpers: sich energetisch vom Kopf zu den Füssen, von den Füssen zum Kopf durchfliessen zu lassen, auf und ab Schaukeln. Es war für mich die grösste Herausforderung, dieses Erleben nicht festhalten zu wollen oder herbeizusehnen, sondern in Gleichmütigkeit zu bleiben. Es war einfacher, die Schmerzen des langen Sitzens dazu zu verwenden, die Konzentration zu stärken.

Der Sinn ist die körperliche Erfahrung und damit die Erfahrung des Unbewussten, dass alles in ständiger Veränderung ist und jedes Anhaften beziehungsweise jede Abneigung sinnlos ist und man allem mit völliger Gleichmütigkeit begegnen, im absoluten Jetzt leben und dabei echtes Glück erleben kann. Und es funktioniert. Man erfährt ganz unmittelbar das wohl auch für das Erlangen der Erleuchtung geltende Paradox, dass man sich etwas wünscht, sich aber je weiter davon entfernt, je mehr man es erzwingen möchte.

In den abendlichen Vorträgen (wie die Meditationsanweisungen alle ab Band) wurde in der Theorie über den weiteren Fortgang der Meditationstechnik unterrichtet. Wenn das Strömungserlebnis in den äusseren Körperschichten unbehindert von alten Strukturen etabliert sei, gehe es anschliessend darum, den Körper beobachtend zu durchboren und nach festen Strukturen im Körper zu suchen. Wenn auch dort das Strömen von keinen Strukturen mehr behindert werde, sei die gleiche Arbeit noch mit der Wirbelsäule zu tun. Wenn auch diese Arbeit getan und man frei von Strukturen reine Energie sei, habe man den Zustand des Bhagavan erreicht. Das sei eigentlich die erste Stufe der Erleuchtung. Bei all dem sei es ein grosses Hindernis für den weiteren Weg auf dem Weg zur Erleuchtung, die Meditation auf das lustvolle Erlebnis des freien Flow hin auszurichten.

Der weitere Verlauf des achtfachen Pfades: Die Erleuchtung sei vollständig, wenn der Geist dermassen gereinigt sei, dass man einen Zustand erlebe, im dem alle 6 Sinne abgeschaltet seien und sich der Geist vom Körper ablöse. Das werde man, wenn man den Weg konsequent gehe, früher oder später bewusst erleben, auch wenn es nicht in Worte zu fassen sei.

Kleiner Einschub des wissenschaftlich denkenden Beobachters des 21. Jahrhunderts: Das Herzkreislaufsystem, der Teil des Hirns und Nervensystems, der die vitalen Funktionen aufrecht erhält, und alle wichtigen Organe arbeiten auch bei völliger Stilllegung aller Sinne und des kognitiven Bewusstseins weiter. Die erlebte Gewissheit der Erleuchteten (oder Psychopharmanauten), sie hätten durch ein solches Erleben die Ablösung des Geistes vom Körper und damit eine Todeserfahrung gemacht, könnte ein Artefakt sein. Da alle Zellen der überlebenswichtigen Systeme die ganze Zeit online sind und ans Gehirn melden „es funktioniert alles bestens und es geht uns gut“, wird zwangsläufig ein angenehmes Körper- Geistgefühl erlebt. Immerhin geben uns solche Erlebnisse eine gewisse Zuversicht, dass wenn das eigene System definitiv heruntergefahren wird, möglicherweise je nach persönlicher Einstellung dazu beziehungsweise bei einem gefestigten Gottesglauben, eine angenehme Abschiedsmelodie gespielt wird. Hoffentlich schöner als beim Herunterfahren von ms-windows.

Während ich in den ersten Tagen dieser Auszeit voller Widerstand und Fluchtgedanken war, fürchtete ich ab ca. dem vierten Tag immer mehr auch das Ende des Kurses, der damit verbundenen inneren Einkehr, und das uferlose Geschwätz, das nach dem Brechen des Schweigens über uns hereinbrechen werde. Beim ersten Schock musste ich sofort auf’s Zimmer. Später nahm ich im „Kloster“ und nehme ich mit dem heutigen Blog am munteren Mitteilungsbedürfnis teil.

In den Meditationen habe ich mir immer wieder erlaubt, abzuschweifen. Dies war nötig, um meine Widerstände in eine Sekte geraten zu sein, zu überwinden. Dann kam es vor, dass mich existenzielle Fragen derart beschäftigten, dass ich ihnen folgen wollte. Immerhin hatten wir auch dazu in den Vorträgen wichtige historische Vorbilder, die solches Abweichen von den Instruktionen als zulässig erscheinen liessen. Es wurde berichtet von den Erkenntnissen beim Meditieren von Buddha selbst und solchen des Königshauses, unter dessen Herrschaft Buddha als freiwilliger Bettelmönch gelebt hatte.

Einige meiner Überlegungen werde ich im nächsten Blog unter dem Arbeitstitel „Materie – Energie – Information – Leben“ zusammenfassen.

Trotz meinen Vorbehalten kann ich allen eine zehntägige Auszeit auf dem mont soleil sehr empfehlen.
Link: https://www.dhamma.org/de/index

 

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